2020 – ...
Feindschaft. Die absolute Grenze des Sozialen.Der Text untersucht Feindschaft als eine soziale Kategorie sui generis, die sich von anderen Formen negativer Sozialverhältnisse – Konkurrenz, Rivalität, Diskriminierung, Ressentiment, Gewalt – prinzipiell unterscheidet und in der Soziologie kaum thematisiert wird. Die zentrale These lautet: Feindschaft ist nicht die äußerste Steigerung eines Kontinuums negativer Sozialverhältnisse, sondern deren diskontinuierlicher Bruch. Ihr konstitutives Moment ist die bewusste Einschließung der physischen Vernichtung des Anderen. Dadurch markiert sie die absolute Grenze des Sozialen. In drei Abschnitten, die jeweils von einer Lesart des Pascal'schen Dialogs „Warum tötet ihr mich?“ ausgehen, werden drei Deutungsversuche der Feindschaft diskutiert. Bernhard Waldenfels untersucht philosophisch den Übergang von Fremdheit zu Feindschaft und typologisiert drei historische Ordnungsformen des Feindbildes (ethnozentrischer, kosmozentrischer und legaler Typus), ohne jedoch den ontologischen Bruch dieses „Umschlagens“ zureichend zu begründen. Helmuth Plessner leitet die Freund-Feind-Relation aus der anthropologischen „Daseinslage der offenen Immanenz“ ab, durch die der Mensch sich als Macht begründet und Fremdheit als Unheimlichkeit erfährt, wodurch sich die intentionale Absolutheit der Feindschaft in die nichtintentionale Relativität variabler Formen auflöst. Carl Schmitt schließlich bestimmt Feindschaft politologisch als den äußersten Intensitätsgrad einer Dissoziation, die auf die „Negation der eigenen Art Existenz“ reagiert, womit er Feindschaft modal- statt strukturtheoretisch fasst und die konstitutive Kontingenz hervorhebt, die ihr den Charakter einer willkürlichen Dezision verleiht. Die abschließende Auseinandersetzung mit Jacques Derridas dekonstruktiver Schmitt-Lektüre zeigt, dass diese den Feindbegriff erst gar nicht diskutiert. Demgegenüber versucht der Text, Feindschaft als Konflikt inkommensurabler Weltverhältnisse zu verstehen, der dann eine ontologische Dimension annimmt, wenn hegemoniale Ansprüche der einen Seite auf Selbstbestimmungsansprüche der anderen Seite stoßen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 wird als politische Realprobe dieses Begriffs interpretiert. Der Text schließt mit der These, dass das „Umschlagen“ von Fremdheit in Feindschaft das ungelöste Zentralproblem jeder Feindschaftstheorie bleibt – und deshalb kein soziologisches, sondern allenfalls ein Grenzproblem zum „unendlichen Jenseits des Sozialen“ bildet.
Zur Modalstruktur des „Möglichkeitssinns" in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften".Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die These, dass die einschlägige Passage des vierten Kapitels im ersten Buch des Romans nicht nur inhaltlich, sondern auch formal den Schlüssel zu Musils Romankonzeption bildet, weil das „Prinzip des Conjunctivus potentialis" die Sprachform, die Komposition und den modaltheoretischen Sachverhalt des gesamten Textes durchzieht, wie Albrecht Schöne erklärt hat. Der Text erschließt den „Möglichkeitssinn" als spezifisch moderne Disposition, deren Modernität nicht nur historischer, sondern systematischer Natur ist. Sie basiert auf der Unterscheidung von Realität und Fiktion, die erst in der Neuzeit jene gegenwirkliche Autonomie des Fiktiven konstituiert, die eine Reflexion höherer Stufe voraussetzt, in der das Fiktive nicht nur intern zur Deutlichkeit kommt, sondern auch über den Zusammenhang aufgeklärt ist, in dem es als Fiktives fungiert, wie Dieter Henrich betont hat. Aus dieser Metareflexivität ergibt sich eine Binnendifferenz im Fiktiven selbst, die zwischen gebundener und freier Fiktivität unterscheiden kann. Erstere ist in einen kosmologischen oder eschatologischen Rahmen eingebettet, der sie finalisiert, Letztere ist dagegen in keine externe Finalität eingebunden, die intern verbindlich wäre. Die Hauptthese lautet, dass der „Möglichkeitssinn" in Musils Roman zwar durch diese freie Fiktivität bestimmt wird, dass diese aber außerdem auch intransitiv ist. Im Anschluss an Hans Blumenbergs Begriff der „Selbsterhaltung" als neuzeitlicher Rationalitätsform wird gezeigt, dass die „Erhaltungsaussagen", die die neuzeitliche Handlungsrationalität grundieren, wesentlich intransitiv, also weder auf konkrete Objekte noch auf bestimmte Ziele gerichtet sind, und dass daraus eine Finalisierungsoffenheit resultiert, die jede denkbare Finalisierung zuläßt und zugleich als kontingente relativiert. Der „Möglichkeitssinn" ist damit Ausdruck einer intransitiven Fiktivität, die – anders als Musils eigene Formulierungen nahelegen – keine utopische, sondern eine optimierungslogische Disposition bildet. Sein ontologischer Ort ist die abstrakte möglichkeitsoffene Modalstruktur, die sich in der Moderne als Dispositiv permanenter Überbietung etabliert hat und die jenseits jeder utopischen Schließung die Gleichwertigkeit von Realität und Fiktion zur objektiven und die Indifferenz gegen beide zur subjektiven Voraussetzung hat. Der Text schließt damit, dass die scheinbar fragmentarische Gestalt des Romans dieser Modalstruktur adäquat ist, weil die Unabschließbarkeit seiner Handlung kein Defizit, sondern die logische Konsequenz eines Leitmotivs ist, das jeden überzeugenden Abschluss strukturell ausschließt.
Die Romantisierung der Welt vor dem Gesetz der Avantgarde.Der Text entwickelt eine systematische Unterscheidung zwischen dem ästhetischen Konstruktivismus der Romantik und demjenigen der Avantgarde und bestreitet die These einer substanziellen funktionellen Kontinuität zwischen beiden. Den Ausgangspunkt bildet die verbreitete These, die Avantgarde sei eine Radikalisierung des romantischen Projekts der „Poetisierung der Welt". Der Text räumt ein, dass es auf der Ebene des programmatischen Anspruchs, nämlich der Aufhebung der Differenz von Kunst und Leben sowie der Konstitution einer neuen Totalität der Erfahrung, einen Konnex gibt, zeigt jedoch, dass die Differenz beider Projekte tiefer reicht als ihre rhetorische Engführung, weil sie eine modalontologische Qualität hat. Die romantische Unendlichkeit, wie sie namentlich Schlegel und Novalis konzipiert haben, ist eine konnexionistische Unendlichkeit des Zusammenhangs und der Intensität, keine kondtruktivistische Unendlichkeit des Fortgangs oder der utopischen Überbietung, wie die Unendlichkeit der Avantgarde. Der Romantik entspricht eine „Unendlichkeit der Reflexion", wie Benjamin erklärt hat, die das Endliche nicht auflöst, sondern durch reflexive Verdichtung intensiviert. Demgegenüber ist das avantgardistische Projekt durch die Dialektik von Destruktion und Konstruktion bestimmt, die Helmuth Plessner als „Gesetz der Avantgarde" bezeichnet hat, die auf die definitive Konstruktion einer neuen Totalität der Erfahrung zielt und die die Möglichkeitsoffenheit der romantischen Ironie ebenso ausschließt wie die konnexionistische Offenheit des romantischen Fragments. Die zentrale Argumentationslinie unterscheidet die romantische Poetik des Werdens von der avantgardistischen Praxis des Machens: Wo die Romantik das ästhetische Objekt als ontologisch zweideutiges – als Paul Valérys „objet ambigu" und Hans Blumenbergs „essentiell vieldeutigen ästhetischen Gegenstand" – offen hält, duldet die instrumentelle Logik der Avantgarde keine strukturelle Zweideutigkeit, weil diese das Definitive jeder Utopie unterminiert. Die Hauptthese lautet, dass das genuim gegenromantische Moment der Avantgarde nicht historisch-akzidenzielle, sondern substanzielle Qualität hat. Es besteht in der Rückhaltlosigkeit, mit der das „Gesetz der Avantgarde" unter dem Zwang des totalen Bruchs mit der Vergangenheit eine geschlossene, auf diskontinuierliche Zukunft ausgerichtete Modalstruktur erzwingt. Es ist eine Modalstruktur, die der offenen, irreduzibel unabschließbaren Reflexionsunendlichkeit der Romantik schlechterdings inkommensurabel ist.
Kontingenz des Lebens.Der Text setzt mit der systematische Frage an, was die Formel „Kontingenz des Lebens" über die bloße Unbestimmtheit oder Unbestimmbarkeit des Lebens hinaus bedeuten kann, die zur aktiven Lebensführung nötigt. Er beantwortet diese Frage aus zwei theoretischen Perspektiven, die zeitlich verschoben und unabhängig voneinander die philosophische und die politische Zentralität des Lebens in der Moderne konstatiert und problematisiert haben. Die erste Perspektive ist Helmuth Plessners Historisierung des Lebens als epochencharakteristischen Begriff. Plessners Analyse der „erlösenden Worte", in denen eine Zeit ihre Rechtfertigung und ihr Gericht spricht, nämlich Vernunft für das 18. Jahrhundert, Entwicklung für das 19. Jahrhundert und Leben für das 20. Jahrhundert, erweist das Leben als Signum einer spezifischen kulturellen Formation und nicht als anthropologisches Apriori. Die lebensphilosophische Ontologisierung der Unbestimmbarkeit, die das Leben zum Inbegriff des Unverfügbaren macht, wird dabei als immanente Abschlussmetaphysik kritisiert, die heilsgeschichtliche Restbestände in säkularer Gestalt perpetuiert. Gegen sie setzt Plessner die Unendlichkeit möglicher Bestimmungen des Lebens, die in der Konstruiertheit jeder Lebensführung zum Ausdruck kommt. Die zweite Perspektive ist Michel Foucaults Konzept der „Bio-Macht". Mit dem Eintritt des Lebens in die Geschichte wird das Leben zum Objekt politischer Technologien, die es nicht repressiv beschränken, sondern produktiv steigern, normalisieren und regulieren. Der entscheidende Befund ist dabei, dass auch der Widerstand gegen diese Macht sich auf dasselbe Objekt bezieht, nämlich das Leben als Inbegriff von Bedürfnissen, Anlagen und Möglichkeiten des Menschen. In der Synopse beider Perspektiven arbeitet der Text die gemeinsame modalontologische Basis heraus, nämlich die Ambivalenz des Kontingenzbegriffs zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit. Die „Kontingenz des Lebens" bezeichnet dann nicht die Möglichkeit, das Leben schlechthin zur Disposition zu stellen, sondern den Verlust seiner präreflexiven Evidenz und die Eröffnung seiner doppelten Konzeptualisierung als Residuum der Unverfügbarkeit oder als Objekt der Verfügung. Die Hauptthese lautet, dass der daraus resultierende „Absolutismus des Lebens" zwei Pole hat, nämlich den lebensphilosophischen der Unbestimmbarkeit und den lebenstechnologischen der Bestimmbarkeit, die im Horizont der modernen „Bio-Macht" nicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Erscheinungsformen derselben Konstellation fungieren. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass der Begriff der „Identität" gegenwärtig die Funktion eines „erlösenden Worts" im Sinne Plessners übernimmt, weil er im Nachgang zur lebensphilosophischen Unverfügbarlkeit des Lebens einen Widerstand gegen die hegemoniale Abstraktion der Optimierungsgesellschaft zum Ausdruck bringt, dessen zentrale Frage mit Foucault – und Ernst Bloch – lautet: „Wer sind wir?"
Das visuelle Ende des Signifikanten. Zu Barnett Newmans „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV".Der Essay interpretiert Barnett Newmans Monumentalwerk „Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV" als den ultimativen Endpunkt der abstrakten Malerei. Er argumentiert, dass Newman hiermit die Farbe endgültig von ihrer instrumentellen Rolle befreit hat, weil sie nicht mehr dazu dient, eine äußere Wirklichkeit, ein symbolisches System oder eine metaphysische Ordnung zu repräsentieren. Während die klassische europäische Moderne etwa im Kubismus oder bei Piet Mondrian trotz radikaler Abstraktion stets versuchte, allgemeine „Bauprinzipien“ der Welt oder harmonische Ordnungssysteme abzubilden, vollzieht der Abstrakte Expressionismus den Bruch mit der Repräsentationsfunktion, in die die klassisch-moderne Abstraktion noch eingebunden ist. Die „Abstraktion zweiter Ordnung“, die sich im Abstrakten Expressionismus manifestiert, verweigert sich einer überschaubaren Komposition und setzt stattdessen auf eine performative Asignifikanz. Das bedeutet, dass das Bild keine übergeordnete Bedeutung mehr transportiert, sondern die reine, sinnliche Präsenz des Materials und der Farbe in den Vordergrund rückt. In dieser radikalen Abkehr von der Repräsentation, die im Auslaufhorizont der „europäischen Melancholie“ steht, die stets nach einem stabilisierenden Ordnungsprinzip suchte, manifestiert sich ein neues, dezidiert amerikanisches Weltverhältnis. Das Kunstwerk wird zu einem Erfahrungsraum der absoluten Immanenz, dessen performative Gegenwärtigkeit den visuellen ästhetischen Ausdruck einer säkularen und globalisierten Moderne bildet.
Moderne Hoffnungen. Individuelle Erwartungen im Zeitalter der entgrenzten Möglichkeiten.Den Ausgangspunkt des Essays bildet Kants dritte Vernunftfrage, „Was darf ich hoffen?", und ihre systematische Verortung zwischen dem theoretischen Können und dem praktischen Sollen. Kant hat die Hoffnung als anthropologische Grundkategorie bestimmt, zugleich aber durch ihre Orientierung an „Glückseligkeit" und „Sittlichkeit" in den moralischen Horizont einer bestimmten Gesellschaft eingebettet und damit historisch und sozial konditioniert. Dieser doppelte Charakter der prinzipiellen Offenheit und der gesellschaftlichen Einbettung bildet den Ausgangspunkt für eine historisch-systematische Analyse der modernen Hoffnungsstruktur. Der Text verfolgt zunächst den Prozess, den Reinhart Koselleck als „Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont" beschrieben hat, also die Lösung des Denkens vom Vergangenheitsbezug und die Orientierung des Handelns an fiktional erschlossenen, prinzipiell unabgeleiteten Möglichkeiten einer offenen Zukunft. Die Französische Revolution erschließt auf diesem Hintergrund eine neue Zeitstruktur, in der die Diskontinuität von Herkunft und Zukunft zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit und die Hoffnung, „sich selbst zu leben" – wie Johann Wolfgang Goethe schrieb – zur normativ aufgeladenen Formel moderner Selbstentfaltungserwartungen wird. Die Normalisierung dieser Hoffnung in der individualisierten massendemokratischen Mittelschichtgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts wird sodann mit dem soziologischen Konzept der „antizipatorischen Sozialisation" (Riesman/Roseborough) analysiert. Die Einübung in eine zieloffene Lebensführung und die grundsätzliche Offenheit des Möglichkeitshorizonts wird hier zur Selbstverständlichkeit und soziale Mobilität avanciert zur strukturellen Bedingung der Vergesellschaftung. In diesem Kontext wandelt sich die moderne Hoffnung: Der Zwang zur „investiven Statusarbeit" (Groh-Samberg/Mau/Schimank) und die Dominanz einer abstrakten Optimierungsrationalität überführen die Hoffnung auf Selbstentfaltung in den permanenten Wettbewerb des Wirklichen mit dem Möglichen. Die Hauptthese lautet, dass die moderne Hoffnung, „sich selbst zu leben", unter den Bedingungen der Kontingenzkultur in zwei gegensätzliche Ausfaltungen zerfällt: in die intransitive Selbstentfaltung im Horizont eines offenen Möglichkeitshorizonts einerseits und in den Widerstand gegen diese Abstraktion im Medium konkreter „Identität" andererseits. Michel Foucaults Begriff des Widerstands gegen die „Normalisierungsgesellschaft" und die um ihn gruppierten Identitätspolitiken erweisen sich in dieser Perspektive als konkrete, transitive Gegenform zu jener abstrakten Möglichkeitsoffenheit, die das Selbstverhältnis der modernen Mittelschichtgesellschaft bestimmt. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung" mit derselben Frage beginnt, die Foucault als die zentrale Frage des Widerstands gegen die Optimierungsgesellschaft identifiziert hat: „Wer sind wir?"
Die Legitimität der Kontingenzkultur.Der Text ist die Replik auf Axel T. Pauls Kritik der Theorie der Moderne von Michael Makropoulos. Paul nimmt eine universalgeschichtliche Perspektive ein und unterscheidet vier „bereichsspezifische" Formen der Kontingenz zwischen dem Spätpaläolithikum und der Gegenwart: Kontingenz des sozialen Handelns, der politischen Ordnung, der äußeren Natur und schließlich der „menschlichen Natur". Der Text antwortet auf diesen Einwand, indem er zunächst zeigt, dass Pauls Typologie auf einer systematischen Reduktion des Kontingenzbegriffs beruht: Sie blendet die reflexive Tiefenstruktur des neuzeitlichen Kontingenzbewusstseins aus und ersetzt sie durch eine Taxonomie operativer „Kontingentsetzungen". Dabei verliert der Begriff seine analytische Schärfe, denn Kontingenz ist zuallererst ein Reflexionsprodukt und kein bloß empirisch identifizierbares Handlungsmerkmal einzelner Bereiche. Im Anschluss an Hans Blumenbergs Konzept der „Kontingenzkultur" hält der Text daran fest, dass die Neuzeit gerade nicht eine bereichsspezifische, sondern eine umfassende, modalontologisch fundierte Einstellung zur Wirklichkeit konstituiert, eben die Überzeugung, dass nicht sein muss, was ist, und dass die Wirklichkeit vom Standpunkt des Möglichen her beurteilt und gestaltet werden kann. Diese Einstellung ist nicht auf einzelne Sachbereiche beschränkt, sondern durchdringt das Weltverhältnis der Moderne als ganzes. Der Text verfolgt sodann die Legitimationsproblematik, die mit der Paulschen Formulierung der „Landnahmen der Kontingenzkultur" aufgeworfen wird. Der Begriff der „Landnahme" ist nicht neutral. Er impliziert die widerrechtliche Aneignung und verleiht der gesamten „Kontingenzkultur" retroaktiv etwas Illegitimes. Hinter dieser Semantik steht das Misstrauen gegenüber einer historisch-systematischen Disposition, in der Kontingenz zur realitätsgenerierenden Modalstruktur geworden ist, die keine interne oder externe Begrenzung kennt, weil sie nicht auf bestimmte Zwecke ausgerichtet ist. Im Rückgriff auf Helmuth Plessners Analyse der intransitiven Überbietungslogik der Technik und auf Blumenbergs Begriff der „Selbsterhaltung" wird der Kern dieser Problematik präzisiert: Die neuzeitliche Rationalität beruht auf zieloffenen Prozessen und abstrakten Handlungsdispositionen, die prinzipiell keine abschließende Finalisierung kennen. Das Legitimitätsproblem stellt sich also nicht in Bezug auf einzelne Konstruktionen, sondern in Bezug auf konstruktive Dispositionen, die auf permanente Überbietung angelegt sind. Die Hauptthese lautet entsprechend: Die Kontingenzkultur der Neuzeit ist kein additives Ensemble bereichsspezifischer Kontingenzsetzungen, sondern ein eigenqualitatives Weltverhältnis, dessen Prinzip die Entfesselung realitätsgenerierender Möglichkeiten ist. Die Frage nach ihrer Legitimität ist deshalb nicht partiell zu beantworten, sondern führt unmittelbar in die Debatte über die „Legitimität der Neuzeit". Abschließend werden die zwei Grundoptionen skizziert, auf welche die modernen Antworten auf das Legitimitätsproblem funktionell hinauslaufen: Kontingenzbegrenzung durch Utopie einerseits, Normalisierung der Kontingenz durch Optimierung andererseits – wobei beide Optionen die Fiktionalisierung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts zur gemeinsamen Voraussetzung haben.
2010 – 2019
„Lebensführung", „steuerloses Treiben" und „außengeleitete Lebensweise".Den Ausgangspunkt bildet die Frage, was das Konzept der „Lebensführung" bei Max Weber über seine analytisch-deskriptive Dimension hinaus als normativen und aktivistischen Begriff auszeichnet. Im Anschluss an Hans-Peter Müllers theorievergleichende Rekonstruktion wird „Lebensführung" als irreduzibel ambivalentes Konzept erschlossen, das sowohl als abhängige Variable gesellschaftlicher Konditionierung als auch als unabhängige Variable kultureller Selbstkonstitution fungiert und dabei auch in seinen heteronomen Aspekten ein schwaches, aber unaufhebbares Moment der Kontingenz enthält, das einen potentiellen Freiheitsgenerator angesichts fortschreitender Rationalisierung bildet. Der Text verfolgt diese Ambivalenz durch drei Theoriekonfigurationen. Bei Helmuth Plessner findet die aktivistische Dimension der „Lebensführung" ihre anthropologische Begründung: Der naturgegebene Zwang zur Lebensführung ergibt sich aus der „exzentrischen Positionalität" des Menschen, seiner „konstitutiven Heimatlosigkeit" und seinem Stehen im „Nirgendwo", das ihn zur permanenten Selbstkonstitution in der Unbestimmtheitsrelation zu sich nötigt – weder im Indikativ bindender Wirklichkeit noch im Konjunktiv uferloser Möglichkeiten. Bei Robert Musil erfährt dieselbe Situation ihre fiktionale Ausgestaltung im „Möglichkeitssinn" des „Mannes ohne Eigenschaften", dessen Lebensführung im Potentialis zwischen aktivistischer Zieloffenheit und „steuerlosem Treiben" oszilliert und damit die konstitutive Spannung von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des eigenen Lebens exemplarisch realisiert. Bei David Riesman schließlich wird die sozialstrukturelle Seite dieser Problematik als „außengeleitete Lebensweise" erschlossen: Die „antizipatorische Sozialisation" der Mittelschichtgesellschaft konditioniert Individuen auf eine zieloffene Lebensführung im offenen Erwartungshorizont sozialer Mobilität, deren Integrationsprinzip nicht Zugehörigkeit oder Funktionalität, sondern generalisierte Konkurrenz ist. Die Hauptthese lautet, dass das Konzept der „Lebensführung" – gegen seine Reduktion auf Lebensstilforschung oder Alltagsorganisationsmanagement – ein zutiefst aufklärerischer Begriff ist, der gegen den Absolutismus des Sozialen in der Moderne gerichtet ist und in dem sich Schicksal, Entscheidung, Freiheit, Wahl und Persönlichkeit zu einem unauflöslichen Komplex simultaner Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit verdichten. Der Text schließt mit der Frage, worauf die Aufforderung, sein eigenes Leben zu führen, unter Bedingungen einer sozialen Welt zielen kann, die ihr Monopol auf die Erteilung von „Lebensberechtigungen" im Sinne von Pierre Bourdieu ontologisiert.
Grenze, Horizont und moderne Gesellschaft.Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Analyse zweier grundlegender Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen, nämlich Grenze und Horizont als komplementäre, aber ontologisch entgegengesetzte Abschlussparadigmen. Die systematische Leitdifferenz lautet: Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und verweisen dabei auf ein reales Außen, das ihre Überschreitung ermöglicht; Horizonte schließen Möglichkeitsbereiche auf und konstituieren ein imaginäres Innen, das unendlich ausgedehnt, aber nicht verlassen, sondern nur verschoben werden kann. Diese ontologische Differenz, die im antiken und mittelalterlichen Verständnis noch weitgehend verdeckt war, weil Grenze und Horizont dort als Trennlinien zwischen bestimmter Wirklichkeit und unbestimmtem Apeiron zur Deckung kamen, tritt in der Neuzeit mit dem grundlegenden Strukturwandel des Raumes auf. Die Territorialisierung der Grenze als politisch-juridischer Trennlinie und die gleichzeitige Deterritorialisierung des Horizonts als immanent generierter, prinzipiell veränderbarer Orientierungsmarke eröffnen jenen potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, aus dem das konstruktivistische Weltverhältnis der europäischen Moderne hervorgeht – im Technischen als Naturbeherrschung, im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst, im Sozialen als Gestaltbarkeit der Gesellschaft. Im Zentrum steht die Unterscheidung zweier Fiktionalisierungsmodi des Möglichkeitshorizonts, die zwei verschiedenen und am Ende gegensätzlichen modalontologischen Paradigmen entsprechen: Utopie und Optimierung. Utopie bezeichnet die finale Schließung des Möglichkeitshorizonts in einem idealen und unüberbietbaren Zustand; sie zielt auf Kontingenzaufhebung durch eine definitive und finale, eben ideale Konstruktion. Optimierung bezeichnet dagegen die situativ extrapolierte, prinzipiell unaufhörliche und zieloffen-asignifikante Überbietung jedes erreichten Zustandes. Deshalb ist Kontingenzerhaltung und -kultivierung ihr strukturelles Dauerprinzip. Der Aufsatz zeigt, dass die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, die Überbietung an die Stelle der Überschreitung setzt und als Fortschritt geschichtsphilosophisch zieloffen finalisiert. Die Optimierungsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts hat diese Dynamik in konsumistischen Infrastrukturen individueller Selbstentfaltung und einer „antizipatorischen Sozialisation" habitualisiert, die die Individuen auf eine zieloffene Lebensführung konditioniert und soziale Mobilität zur strukturellen Norm macht. Die aktuellen kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen sind deshalb als Widerstandslinien gegen den Absolutismus der Möglichkeit und den strukturellen Zwang zur Optimierung zu verstehen. Sie bedeuten nicht die Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern sind Versuche der Re-Differenzierung, Re-Konkretisierung und Re-Spezifizierung gegen eine gesellschaftliche Norm, die die Normalisierung der Kontingenz zum abstrakten Integrationsprinzip gemacht hat. Eine Welt ohne offenen Horizont und mit klaren Grenzen, so der Schlussgedanke, wäre aber auch eine Welt ohne Kontingenz, also eine Welt, in der das, was ist, nicht anders sein könnte.
Vergesellschaftung im Unendlichen. Simmels Modernität (Simmel-Handbuch).Der Beitrag analysiert Simmels Konzept der Moderne als Kultur der Kontingenz und entwickelt dabei eine gesellschaftstheoretische These, die über die übliche Rezeption von Simmels Geldtheorie und Großstadtdiagnose hinausgeht: Die Konkurrenz ist bei Simmel keine primär ökonomische, sondern eine genuin soziologische Kategorie. Sie ist die gesellschaftliche Form der Kontingenz und damit das eigentliche, bislang unterschätzte Integrationsmedium moderner Gesellschaften. Den Ausgangspunkt bildet die Kontrastierung mit Durkheims Konzept der „Anomie": Während Durkheim die durch Monetarisierung und industrielle Deregulierung entfesselte Möglichkeitsoffenheit der Moderne moraltheoretisch als pathologischen Zustand begreift, der eine restriktive regulative Moralordnung erfordert, hat Simmel dieselbe Möglichkeitsoffenheit analytisch akzeptiert und das Unendliche entschieden als Transitorisches und als jene Auflösung aller Bestimmtheiten begriffen, die das „Wesen der Moderne" als Psychologismus, als „Erleben und Deuten der Welt gemäß den Reaktionen unsres Inneren", konstituiert. Im Zentrum steht Simmels These, dass die geldvermittelte Versachlichung aller Sozial- und Objektverhältnisse die Möglichkeitsoffenheit strukturell institutionalisiert, indem sie einerseits die Verfügbarkeit der Objekte und die Unabhängigkeit von anderen Menschen steigert, andererseits aber „definitive Befriedigungen immer seltener werden" läßt und dadurch das „ungeheure Glücksverlangen des modernen Menschen" provoziert. Dieses Glücksverlangen manifestiert sich in jener abstrakten, auf kein konkretes Ziel gerichteten Intensitätserwartung, in der sich die Persistenz religiöser Totalitätserwartungen unter den Bedingungen ihrer säkularen Enttäuschung manifestiert. Die eigentliche Pointe des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Konkurrenz als gesellschaftlichem Strukturprinzip jenseits ihrer ökonomischen Erscheinungsform. Im Anschluss an Simmels Bestimmung der Konkurrenz als indirekten „Kampf ohne Gegner" – eines Kampfes, der nicht gegen den Gegner, sondern auf ein gemeinsames, situationstranszendentes Ziel gerichtet ist –, wird die Konkurrenz als dasjenige Vergesellschaftungsprinzip identifiziert, das der Kultur der Kontingenz eingeschrieben ist. Weil jede Konstruktion auch anders möglich ist, steht sie im Wettbewerb mit anderen Konstruktionen, den aktuell-konkreten wie den potentiell-abstrakten. Konkurrenz ist damit nicht Effekt einer Ökonomisierung des Sozialen, sondern deren Voraussetzung. Sie ist die spezifisch gesellschaftliche Form einer Kultur der Verfügbarkeit, die durch ihre Objektivität, Anonymität und Abstraktheit eine „ungeheure synthetische Kraft" und eine „ungeheure vergesellschaftende Wirkung" entfaltet, weil sie die intersubjektiven Dimensionen der Vergesellschaftung übersteigt und die Integration einer komplexen Vielfältigkeit ermöglicht, die irreduzibel bleibt und irreduzibel bleiben soll. Den Abschluss bildet eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftstheoretischen Konsequenzen: Simmels Analysen legen nahe, dass es keine Individualisierung ohne Konkurrenz gibt, wenn Individualität im emphatischen Sinne mit prinzipieller Möglichkeitsoffenheit korrespondieren und dennoch sozial integrierbar sein soll. Eine soziale Welt ohne Konkurrenz wäre deshalb eine soziale Welt ohne Kontingenz. Es wäre eine Welt, in der das, was ist, nicht anders sein könnte. Das aber war nicht Simmels Option.
Zum Begriff der Möglichkeit bei Helmuth Plessner.Die Studie entfaltet den Möglichkeitsbegriff in Plessners philosophischer Anthropologie als strukturell zweideutig und liest diese Zweideutigkeit als theoriestrategisch produktive Unschärfe, die Plessners Entwurf für zwei prinzipiell verschiedene Lektüren offenhält. Ausgangspunkt ist die Zurückweisung von Horkheimers Kritik der philosophischen Anthropologie als Suche nach absoluten Prinzipien und absolutem Sinn. Plessner, so die Gegenthese, war gerade derjenige, der jeden anthropologischen Absolutismus entschieden abgelehnt hat. Das Basistheorem der „exzentrischen Positionalität", nämlich das gleichzeitige Bei-Sich- und Über-Sich-Hinaus-Sein des Menschen und sein unaufhebbares Stehen im „Nirgendwo", begründet eine konstitutive Möglichkeitsoffenheit, die Plessner mit der Unbestimmtheitsrelation der modernen Physik als anthropologischem Modell präzisiert: Der Mensch steht in einer „Unbestimmtheitsrelation zu sich", die weder Festlegung auf eine bindende Wirklichkeit noch Auflösung in uferlose Beliebigkeit bedeutet, sondern die spezifische Modalstruktur der Kontingenz realisiert. Das konstituiert ein Weltverhältnis, in dem das, was ist, auch anders sein kann, weil es weder notwendig noch unmöglich ist. Der Aufsatz zeigt, dass Plessners Möglichkeitsbegriff dabei eine irreduzible Doppelstruktur aufweist. Einerseits erschließt die exzentrische Positionalität eine abstrakte, fortschrittslogisch entgrenzte Möglichkeitsoffenheit, in der jede Konstruktion durch eine andere überbietbar bleibt, in der die Technisierung als Institutionalisierung einer prinzipiell schrankenlos überbietbaren Modalstruktur verstanden wird. Das hat Plessner in seiner Bestimmung der „offenen Form" und der „Anarchie des endlosen Fortschreitens" konzeptuell gefaßt. Andererseits impliziert die Situativität des menschlichen Standorts eine konkrete, pluralitätslogisch begrenzte Menge des Situativ-Möglichen, weil die „Schranken und Grenzen dessen, was hier und jetzt möglich ist", den abstrakten Möglichkeitshorizont durch die konkreten Alternativen koexistierender, konfligierender und konkurrierender Lebensformen begrenzen. Diese Differenz von Potentialitätskontingenz und Pluralitätskontingenz, von futurisch-abstrakter versus präsentisch-konkreter Möglichkeitsoffenheit, wird als theoriestrategisch entscheidend herausgearbeitet. Denn in der Betonung der konkreten Möglichkeitsoffenheit gegenüber der abstrakten liegt die Option einer Anthropologie des Politischen; in der Betonung der abstrakten Möglichkeitsoffenheit gegenüber der konkreten hingegen liegt die Option einer Anthropologie des Technischen. Dass Plessner den Übergang zwischen beiden Lesarten offen hält, erweist sich als bewusste theoriestrategische Entscheidung, die die konstitutive Möglichkeitsoffenheit des Menschen gegen alle definitiven Verortungen offenhält. Diskutiert werden von hier aus Plessners systematische Beziehungen zu Blumenberg, Weber, Valéry und Simmel sowie die Bedeutung seines Entwurfs „diesseits der Utopie" für eine Konzeption des Wettbewerbs als anthropologisch fundierter, strukturell garantierter Freiheit im Sozialen.
Blumenberg und die Ontologie des ästhetischen Gegenstandes.Die Studie rekonstruiert Blumenbergs Theorie des Kunstwerks im systematischen Koordinatensystem seines Kontingenzkonzepts und entwickelt dabei eine Bestimmung des ästhetischen Gegenstandes, die über die traditionelle Alternative von Wirklichkeitsbezug und Wirklichkeitserzeugung hinausführt. Ausgangspunkt ist Blumenbergs Befund, dass die Geschichte der ästhetischen Theorie die Möglichkeit einer dritten Option, nämlich die Bestimmung des Kunstwerks als vollständig unverbindlicher, wirklichkeitsenthobener Konstruktion, systematisch ausgeblendet hat, obwohl sie logisch verfügbar gewesen wäre. Diese Ausblendung wird als Symptom des „Absolutismus der Wirklichkeit" in der Kunsttheorie gelesen, gegen den der Aufsatz Blumenbergs eigene, implizit gebliebene ästhetische Theorie profiliert. Deren Kern liegt in der Bestimmung des Kunstwerks als „materiellen Inbegriffs der Kontingenz": als Gegenstand, der weder Wirklichkeit abbildet noch eine eigene Wirklichkeit erzeugt, sondern durch seine essentielle Vieldeutigkeit und seine konstitutive Deutungsbedürftigkeit einen irreduziblen Anspruch der Möglichkeit gegen den Absolutismus der Wirklichkeit geltend macht. Diese Bestimmung wird im Koordinatensystem von Blumenbergs Genealogie des neuzeitlichen Kontingenzbewusstseins entfaltet: Die „Kontingenzkultur" der Neuzeit generiert einerseits eine technische Einstellung gegenüber dem Vorgegebenen, die auf konstruktivistische Überbietung und Optimierung zielt, andererseits eine ästhetische Einstellung, die sich von dieser gerade dadurch unterscheidet, dass sie die Unbestimmtheit des Gegenstands stehen läßt und den Potentialitätshorizont offenhält, statt ihn instrumentell zu finalisieren. Die systematische Differenz zwischen technischem und ästhetischem Konstruktivismus, zwischen optimierender Kontingenznutzung und ästhetischer Kontingenzpflege, bildet dabei die zentrale Argumentationslinie. Auf diesem Hintergrund wird Blumenbergs Auseinandersetzung mit Valérys Konzept des Kunstwerks als „objet ambigu", also als Gegenstand, der sich jeder Klassifikation und Identifizierung entzieht und dadurch zum Träger eines Möglichkeitsbewusstseins sui generis wird, als Explikation der „essentiellen Vieldeutigkeit des ästhetischen Gegenstandes" entfaltet. Die ästhetische Einstellung leistet dabei, so Blumenberg, gerade dadurch mehr, dass sie weniger leistet: Sie erreicht den ihr spezifischen Genuß durch Verzicht auf theoretische Neugier und läßt den Gegenstand für sich stark sein, indem sie ihn nicht in klassifizierenden Fragen objektiviert. Abschließend wird Blumenbergs Konzept mit Adornos Begriff des „Rätselcharakters" und Benjamins Begriff der „Aura" in Beziehung gesetzt. Wo Benjamin strategisch auf die entauratisierte Ästhetik der Massenkultur setzt, bleibt für Blumenberg der Gehalt des Auratischen als konsttutive „Potentialität" das rationale Kriterium, das Dinge von Gegenständen, Möglichkeiten von Wirklichkeiten und die poetische Sprachfunktion von der kommunikativen unterscheidet.
Die Ambivalenz der Mobilität.Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Analyse der Mobilität als spezifisch modernem Phänomen, das weder zeitlos noch universell ist, sondern im 18. Jahrhundert als eigenständige Dimension menschlicher Erfahrung entstand, nämlich mit der Neubewertung von Bewegung aus einer lästigen Notwendigkeit zur erstrebenswerten Möglichkeit, im Zuge der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewusstseins und mit der fortschreitenden Diskontinuität von Herkunft und Zukunft seit der Französischen Revolution. Die systematische Leitthese lautet, dass Mobilität als Beweglichkeit in ihrer diskursiven und reflexiven Ausfaltung stets einen impliziten Überschuß über bloße Beweglichkeit hinaus enthält: ein Moment der Entgrenzung und Überschreitung, das aus jeder Wirklichkeit den Funken einer anderen Möglichkeit schlägt und damit eine strukturell garantierte Potentialität etabliert. Diese Potentialität verleiht Mobilität eine irreduzible Ambivalenz: Die bürgerliche Gesellschaft ist zugleich die Gesellschaft, die Mobilität als Freiheit verspricht, und die Gesellschaft, die die Individuen zur Mobilität zwingt – eine Dialektik, die Hegel mit Blick auf das Meer als Medium des Handels und der Selbstentfaltung und zugleich der gesellschaftlichen Bindung exponiert hat. Im Hauptteil wird die organisierte Massenmobilität des 20. Jahrhunderts als Dispositiv aus Massenmotorisierung und Massenkonsum analysiert: Beide teilen eine modalontologische Qualität, indem sie Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten schaffen, die auf ihre eigene permanente Steigerbarkeit und Überbietbarkeit verweisen. Massenmotorisierung wird dabei nicht nur als Disziplinierungsprozess im Foucaultschen Sinne rekonstruiert, sondern als gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik, in der die Technisierung nicht dingontologisch, sondern modalontologisch von zentraler Bedeutung ist. Den Abschluss bildet mit Bezug auf Nietzsche die Diagnose des eigentlich modernen Problems, nämlich die Offenheit des Horizonts nach der Freisetzung aus allen autoritativen Bindungen, die nicht mehr als Dialektik von Entgrenzung und Konditionierung zu fassen ist, weil sie das schwindelerregende Erlebnis einer Unendlichkeit bietet, die dadurch zur Bedrohung wird, dass es hinter ihr kein „Land" mehr gibt, weil man im "Käfig der Unendlichkeit" eingesperrt ist.
Über den Begriff der „Krise". Eine historisch-semantische Skizze.Die Studie entwickelt eine historisch-semantische Analyse des Krisenbegriffs, die zwischen der nüchternen Bestimmung Valérys, der Krise als Übergang von einer funktionellen Ordnung zu irgendeiner anderen versteht und der kulturkritischen Dramatisierung als Ordnungsverlust und potentieller Katastrophe, die strukturelle Ambivalenz des modernen Krisenbewusstseins freilegt. Ausgangspunkt ist die begriffsgeschichtliche Rekonstruktion der antiken Einheit von Kritik und Krise im griechischen „κρίσις", die sowohl den forensischen Urteilsakt als auch den medizinischen Kulminationspunkt und den militärischen Wendepunkt bezeichnete. Ihre neuzeitliche Aufspaltung in eine subjektivierte Kritik und eine objektivierte Krise wird als Symptom der modernen Aufwertung souveräner Subjektivität gedeutet. Im zweiten Schritt wird die Krise als strukturelle Signatur der Neuzeit erschlossen: Mit der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewusstseins seit der Französischen Revolution und dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, wird im Sinne von Kosellecks Begriffsgeschichte der Übergangszustand zum Dauerzustand, weil die individuellen und kollektiven Erwartungen zunehmend nicht mehr nur von der Tradition, sondern von der Erfahrung überhaupt freigesetzt werden. Kontingenz erweist sich dabei als die modallogische Grundstruktur der Krise. Sie grundiert eine irreduzibel offene Situation, die auf Entscheidung hindrängt, ohne dass das Ergebnis dieser Entscheidung aus den gegebenen Wirklichkeiten vollständig ableitbar wäre. Den theoretisch entscheidenden Schluss bildet die Wendung gegen die ontologische Vergegenständlichung des Krisenbegriffs. Krisen sind nicht gegeben, sondern werden diskursiv gemacht – und zwar durch Kritik, die in den normalen Ablauf der Ereignisse Kontingenz einführt, und durch Krisendiskurse, die Offenheiten schließen wollen. Genau das macht den Krisenbegriff zu einem eminent politischen und gerade nicht zu einem ontologischen Begriff.
Abstrakter Expressionismus und performative Mittelschichtgesellschaft.Ausgehend von Mark Tanseys allegorischem Gemälde „The Triumph of the New York School" (1984) entwickelt der Aufsatz eine kultursoziologische These über die tiefenstrukturellen Korrespondenzen zwischen dem Abstrakten Expressionismus als ästhetischer Strömung und der performativen Mittelschichtgesellschaft als sozialstrukturellem Dispositiv, wobei beide als Elemente einer spezifisch liberalen, posteuropäischen Kultur der Nachkriegszeit erscheinen. In einem ersten Schritt wird die radikale Abstraktion des Abstrakten Expressionismus, also die Unüberschaubarkeit des Bildformats, die Kompositionswidrigkeit seiner visuellen Oberfläche und die Emanzipation der Farbe von der Repräsentation, als definitiver Bruch nicht nur mit der gegenständlichen Tradition, sondern auch mit der primären Abstraktion der europäischen Klassischen Moderne analysiert. Im Abstrakten Expressionismus manifestiert sich dadruch die Abkehr von jenem melancholisch-kompensatorischen Weltverhältnis, das selbst noch in seiner selbstreferentiellen Dimension auf ein situationstranszendentes Ordnungsprinzip fixiert blieb. Der entscheidende systematische Schritt ist die Valorisierung der Performativität – wie sie Pollocks „action painting" realisiert und Rosenberg theoretisiert, Sie signalisiert die Abkehr von der ästhetischen Souveränität zugunsten eines pragmatistischen Handlungsmodells, in dem das Ziel im Handeln selbst generiert wird. Im zweiten Schritt wird die performative Mittelschichtgesellschaft unter Bezug auf Riesman, Mills, Schelsky, Whyte und Foucaults Gouvernementalitätstheorie als das sozialstrukturelle Analogon dieses Weltverhältnisses rekonstruiert. Sie ist eine Gesellschaft, die die konstitutive Instabilität sozialer Positionen positiviert, Vergesellschaftung nicht präskriptiv, sondern performativ organisiert und Möglichkeitsoffenheit zur Tiefenstruktur des Sozialen macht. Die verbindende Grundthese lautet: Abstrakte Malerei ohne kompensatorische Totalitätsoption und Mittelschichtgesellschaft ohne fixierte Stratifikationsordnung teilen eine modalontologische Konstitution, nämlich die strukturelle Unmöglichkeit dauerhafter Fixierungen. Deshalb bilden sie die ästhetische und die soziale Signatur eines avancierten, in sich selbst begründeten modernen Weltverhältnisses.
Benjamin (Handbuch Kulturphilosophie).Der Artikel rekonstruiert Walter Benjamins theoretisches Projekt als großangelegte, wenn auch fragmentarisch gebliebene Theorie der Moderne, deren konzeptueller Orientierungspunkt die Frage nach der ästhetischen Erfahrung unter massenkulturellen Bedingungen und deren zentrales philosophisches Problem die Genealogie eines Subjektivitätstyps ist, der dieser Kultur entspricht. Im Zentrum steht das „Passagen-Werk" als phänomenologisch gesättigte, sozialphilosophisch fundierte und geschichtsphilosophisch substantiierte Theorie der Metropolenkultur. Diese Theorie wird über seine kanonischen Paratexte, den Kunstwerk-Aufsatz, die Baudelaire-Studie und die geschichtsphilosophischen Thesen erschlossen. Ausführlich rekonstruiert wird Benjamins medientheoretische These, dass der Film als nicht-‚auratisches' Kunstwerk par excellence – konstituiert durch Montagetechnik, kollektive Produktion und chockförmiges Bauprinzip – die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch lebensweltlichen Charakter verleiht. Diese These wird vermittelt über Benjamins Erfahrungstheorie und ihre kategoriale Leitdifferenz von „Erfahrung" und „Erlebnis", die auf die historische Transformation der menschlichen Erfahrung in der Moderne zielt. Ihr zentrales Argument ist die strukturell generierte Verdrängung kohärenter, narrativ kumulierter Erfahrung durch diskontinuierliche, chockförmige Erlebnisse unter großstädtischen Bedingungen. Im Lichte des von Lukács formulierten Widerspruchs zwischen Totalitätserfahrungsschwund und persistierender Totalitätserwartung erschließt der Artikel zwei einander entgegengesetzte, gleichermaßen problematische Subjektivitätsstrategien der Klassischen Moderne, nämlich konstruktivistische ästhetische und politische Souveränität sowie irrationale Simulation ‚auratischer' Erfahrung durch finale Überbietung des Chockerlebnisses bis zur Katastrophe und profiliert die massenkulturelle Ästhetisierung des Sozialen als Benjamins dritte Option. Der Film ist für Benjamin das Medium einer Gesamttransformation des menschlichen Wahrnehmungsapparats, die souveräne Subjektivität strukturell vereitelt und die Kohärenz in die außersubjektive Wirklichkeit der artifiziellen Moderne zurückverlegt.
Historische Semantik und Positivität der Kontingenz. Modernitätstheoretische Motive bei Reinhart Koselleck.Der Aufsatz entwickelt die These, dass die historische Semantik, wie sie im Umkreis der Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik" und insbesondere von Reinhart Koselleck ausgearbeitet wurde, zumindest potentiell eine hochreflexive Theorie der Moderne als genealogische Erschließung des modernen Kontingenzbewusstseins in seiner historischen Spezifizität und seiner fiktional-konstruktiven Dimension bildet. Ausgangspunkt ist eine kritische Konfrontation mit Luhmanns Systemtheorie, die Kontingenz ontologisiert und damit enthistorisiert. Dagegen wird Kontingenz als historisch variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit bestimmt, dessen logisch-ontologische Ambivalenz von Verfügbarem und Unverfügbarem, also von Handlungsbereich und Zufallsbereich, den analytischen Kern bildet. Die historische Rekonstruktion folgt Kosellecks zentralem Befund des Auseinandertretens von „Erfahrungsraum" und „Erwartungshorizont" seit der frühen Neuzeit. Kontingenz erfaßt jetzt nicht nur Ereignisse, sondern auch den Handlungsbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes, konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein. Ausführlich analysiert werden die modernitätstheoretischen Konsequenzen dieses Vorgangs, die als Beschleunigung der Zeiterfahrung, Fiktionalisierung des Erwartungshorizonts und Krise im Dauerzustand die strukturelle Signatur der Moderne berstimmen. Im dritten Schritt wird die Klassische Moderne als Epoche der radikalen Funktionalisierung von Kontingenz zur selbstmächtigen Kontingenzaufhebung rekonstruiert, wobei Benjamins Theorie der Moderne als privilegiertes Studienobjekt dieser Kontingenzsemantik erschlossen wird. Den Abschluss bildet eine theoriegeschichtliche Positionierung der historischen Semantik gegenüber der postmodernen Kritik. Die historische Semantik betreibt keine Emphatisierung der Kontingenz, sondern die Anerkennung ihrer „Positivität" im Sinne der Unabweisbarkeit ihrer realitätsgenerierenden Effekte. Damit ist sie eine analytische Alternative, die den diskurspolitischen Gegensatz von Modernität und Postmodernität überschreitet.
Organisierte Kreativität. Überlegungen zur ‚Ästhetisierung des Sozialen'.Der Text korrespondiert mit der Studie zu ‚Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft'. Den Ausgangspunkt bildet die Figur Frank Wheelers aus Richard Yates' Roman „Revolutionary Road" als Prototyp des angestellten Kreativarbeiters der amerikanischen Nachkriegsmittelschicht. Er ist ein Mann von diffusem Nonkonformismus, geisteswissenschaftlicher Halbbildung und der resignativen Entlastungsstrategie, die er als Werbefachmann gefunden hat und die ihn zum exemplarischen Träger jener habitualisierten Erwartungsüberschüsse macht, von denen die sogenannte ‚Kreativökonomie' lebt. Von dieser literarischen Ausgangsfigur entwickelt der Text eine sozialtheoretische Analyse der institutionalisierten ‚Ästhetisierung des Sozialen', deren historisches Zentrum die Geschichte des akademischen „Creative Writing" in den USA bildet. Im Anschluss an Mark McGurl wird diese Geschichte als bildungs- und sozialpolitisch initiierte Produktion kreativer Subjektivität rekonstruiert, die mindestens drei Funktionen hatte: die Steigerung und Verstetigung literarischer Produktion durch systematische Ausbildung von Schriftstellern, die Schaffung eines nachbürgerlichen Massenpublikums aus traditionell kunstfernen Schichten, und die Ausbildung von Arbeitskräften für die Kreativ- und Wissensökonomie. Bemerkenswert ist dabei, dass in den Workshops des „Creative Writing" keine avantgardistischen Formexperimente, sondern weitgehend traditionelle literarische Formen und unter diesen wiederum vor allem die Prosadichtung und der psychologische Roman des bürgerlichen Realismus im Zentrum standen. Der Text erschließt diesen Befund durch eine Bestimmung des Romans als privilegiertem Medium, in dem das Selbst- und Weltverhältnis eines Individuums reflexiv konstituiert wird und das damit einer Kultur entspricht, für die das individuelle Selbst- und Weltverhältnis nicht selbstverständlich, sondern reflexionsbedürftig und als bildungsgenerierte Subjektivität reflexionskonstituiert ist. Im Anschluss an Lukács' klassische Bestimmung des Romans als Form der „transzendentalen Obdachlosigkeit" und an Luhmanns Theorie des Kunstsystems, in der die gesellschaftliche Funktion der Kunst in der symmetrischen Dignifizierung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen und im Nachweis von Ordnungszwängen im Bereich des nur Möglichen bestimmt wird, bildet der Roman das am meisten ‚soziologische' Genre der Kunst. Er ist diejenige ästhetische Form, in der die Orientierung in einer sozialen Welt eingeübt wird, die keine externe normative Referenz mehr hat, sondern sich performativ aus sich heraus konstituiert. Theoretisch unterscheidet der Text zwischen einem idealistischen und einem pragmatistischen Kreativitätsbegriff und zeigt, dass die organisierten „Creative Writing"-Programme eine Synthese beider vollziehen, indem sie reflexive Fiktionalisierung zur generalisierbaren Kulturtechnik machen. Die Hauptthese lautet, dass die ‚Ästhetisierung des Sozialen' auf diese Weise die komplementäre Seite der ‚Ökonomisierung des Sozialen' bildet. Beide zusammen bezeichnen den historisch-ontologischen Entstehungsnexus der liberalen Mittelschichtgesellschaft, deren Vergesellschaftungsprinzip nicht präskriptive, sondern performativ ist und deren Tiefenstruktur die Fiktionalisierung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts bildet. Der Text schließt mit dem Hinweis, dass die öffentliche Organisierung der Kreativität in diesem Zusammenhang nicht die Umkehrung von Schillers Konzept der ästhetischen Erziehung, sondern das Medium einer Vergesellschaftung ist, die in einer performativen Ontologie gründet und deren Prinzip die größtmögliche kombinatorische Variabilität durch kommunikative Anschlussfähigkeit heterogener Elemente ist.
Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft. Nachtrag zur ‚Ökonomisierung des Sozialen'.Der Text korrespondiert mit der Studie über ‚Organisierte Kreativität'. Den Ausgangspunkt bildet die These, dass der Begriff der ‚Ökonomisierung des Sozialen' trotz seiner kritischen wie affirmativen Verwendungen eigentlich einen sozialontologischen Sachverhalt bezeichnet, der über bloße Kommerzialisierung weit hinausgeht, nämlich die Ablösung der Autorität als gesellschaftlichem Organisationsprinzip durch performative Selbstkonstitution des Sozialen. Im Anschluss an Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität" wird ‚Ökonomisierung des Sozialen' als Übergang von präskriptiver zu performativer Vergesellschaftung bestimmt. Sie markiert das Ende einer sozialen Ordnung, die auf juridische, disziplinierende oder regulierende Instanzen gegründet war und als Durchsetzung eines Vergesellschaftungstyps, der Konformität nicht durch Heteronomie, sondern durch kommunikative Präsenz und autonome Funktionalität organisiert. Der Text zeigt dabei, dass die gesellschaftskritische Diskussion um die ‚Ökonomisierung des Sozialen' Foucaults gesellschaftstheoretisches Projekt in ein moralisierendes Instrument verwandelt hat, das auf das Repertoire der Kapitalismuskritik zurückgreift und dabei die eigentliche analytische Pointe verdeckt. Im Zentrum steht die Bestimmung der Tiefenstruktur dieser Ökonomisierung, die keine Tausch-, sondern eine Wettbewerbslogik ist. Im Anschluss an Simmels konfliktsoziologische Bestimmung der Konkurrenz als indirektem „Kampf ohne Gegner", der sich nicht gegen den Gegner, sondern auf ein gemeinsames, situationstranszendentes Ziel richtet, wird der Wettbewerb als abstraktes Sozialverhältnis eigener Qualität bestimmt, das gerade nicht in der intersubjektiven Konkurrenz konkreter Akteure aufgeht, sondern durch die voneinander unabhängige Orientierung auf ein fiktional erschlossenes Ziel konstituiert wird und daher dauerhaftere Vergesellschaftungseffekte produziert als intersubjektive Arrangements. Die eigentliche Grundthese lautet, dass die modalontologische Struktur dieser wettbewerbsbasierten Vergesellschaftung mit der autonomen Kunst korrespondiert, weil sie diejenige gesellschaftliche Sphäre ist, die konstitutiv die Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit offenhält und institutionalisiert. Im Rückgriff auf Luhmanns Theorie des Kunstsystems wird die gesellschaftliche Funktion der Kunst als symmetrische Dignifizierung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen bestimmt: Die imaginäre Welt der Kunst etabliert eine Position, von der aus etwas anderes als Realität bestimmt werden kann, und macht durch den Nachweis von Ordnungszwängen auch im Bereich des nur Möglichen das Mögliche zu einer dem Wirklichen gleichwertigen Größe. Diese Symmetrie von Wirklichkeit und Möglichkeit ist es, die den Wettbewerb über die Konkurrenz konkreter Akteure um konkrete Güter in jene abstrakte Dimension entgrenzt, in der jede Wirklichkeit mit mindestens einer anderen Möglichkeit konkurriert, ohne dass diese Wirklichkeit gegenüber den anderen Möglichkeiten privilegiert werden könnte. Die Verschränkung von Kunstautonomie und kompetitiver Vergesellschaftung wird damit zum Medium einer vollständigen Freisetzung der Erwartungen aus ihrer tradierten Bindung an die Erfahrung. Sie ist zugleich das Medium der Selbstregulierung dieser Erwartungen durch die Ordnungszwänge des Fiktionalen, die ästhetische Fiktionalisierung von anomischer Deregulierung unterscheiden. Der Text schließt mit der These, dass die ‚Ästhetisierung des Sozialen' als Durchsetzung möglichkeitsoffen-kreativer Dispositionen die notwendige komplementäre Seite der ‚Ökonomisierung des Sozialen' bildet und dass beide zusammen den historisch-ontologischen Entstehungsnexus der liberalen Mittelschichtgesellschaft bezeichnen.
Der Raum des Fortschritts.Den Ausgangspunkt des Essays bildet die These, dass der technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts jenseits geschichtsphilosophischer Perfektibilitätsmetaphysiken eine konkrete und materielle Gestalt hatte, die sich am prägnantesten im raumorganisatorischen Projekt der Moderne realisierte, das in der funktionellen Synthese von standardisierter Massenarchitektur und individualisierter Massenmobilität bestand. Der Text erschließt dieses Projekt in drei Dimensionen. Als praktische Antwort auf die sozialen Krisenfolgen der Industrialisierung, allen voran die Übervölkerung der alten Quartiere, die katastrophalen Wohnverhältnisse und die daraus resultierenden akuten Integrationsdefizite der modernen Metropolen. In dieser Situation stellte die Verbindung von Architekturfunktionalismus und Massenmotorisierung ein Modell anonymer objektvermittelter Vergesellschaftung bereit, das keiner autoritativen Ordnungsinstanz bedurfte, weil es Integrationsprozesse aus kommunikativen Strukturen ohne integrierendes Zentrum generierte. Als konzeptuelle Antwort auf die Destrukturierung traditionaler Lebensformen realisierte es ein konstruktivistisches Weltverhältnis, dessen ultima ratio nicht Naturnachahmung, sondern gegennatürliche Überbietung mit wissenschaftlich-technischen Mitteln war. Und als spezifisch moderne Optimierungskultur materialisierte es sich paradigmatisch in der funktionellen Stadt, die das tayloristisch-fordistische Rationalisierungsmodell auf die Gesamtorganisation des gesellschaftlichen Raumes übertrug. Im Zentrum steht die These, dass das Prinzip der Standardisierung dabei keineswegs nivellierend war, sondern die Realitätsproduktion auf maximale Kombinationsvielfalt bei gleichzeitiger maximaler Anschlussfähigkeit ihrer Elemente ausrichtete, indem es verfahrensrational und nicht zweckrational operierte. Dem korrespondierte die Massenmotorisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer Mobilisierungs- und Flexibilisierungslogik, die nicht nur eine strukturell garantierte Freiheit, sondern auch den strukturellen Zwang zur kommunikativen Anschlussfähigkeit begründete. Die Hauptthese lautet, dass der Architekturfunktionalismus in den ersten beiden Nachkriegsdekaden zur materiellen Form einer gesellschaftlichen Modernisierung wurde, die soziale Mobilität und räumliche Mobilität optimierungslogisch verschränkte und den Fortschritt auf diese Weise mit massenhaftem sozialem Aufstieg identifizierte. Der Text schließt mit der Übergangsdiagnose, dass diese Verschränkung bis in die späten 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die hegemoniale Form sozialen Fortschritts blieb, weil die funktionalistische Massenarchitektur die einzige praktikable Möglichkeit bot, die Wohnqualität großer Populationen rasch zu verbessern, ohne die Landschaft rücksichtslos zu zersiedeln.
2000 – 2009
Kontingenz – Technisierung – „Möglichkeitssinn". Über ein Motiv bei Robert Musil.Der Aufsatz entfaltet eine Synopse von Kontingenztheorie, neuzeitlicher Technisierung und Musils Konzept des „Möglichkeitssinns" als Beitrag zur Kultursoziologie der Klassischen Moderne. Ausgehend von der systematischen Ambivalenz des Kontingenzbegriffs zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, Handlung und Zufall, wird gezeigt, wie das neuzeitliche Kontingenzbewusstsein den Handlungsbereich prinzipiell öffnet und Technisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik etabliert, die strukturell auf die permanente Nutzung der Kontingenz zielt. Blumenbergs Begriff der „Kontingenzkultur" dient dabei als genealogischer Rahmen. Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen utopischer Kontingenzaufhebung durch finale Konstruktion, wie sie paradigmatisch im Funktionalismus Le Corbusiers und der Klassischen Moderne konzipiert wurde und Musils „Möglichkeitssinn" als reflexivem Kontingenzbewusstsein, das Kontingenz nicht instrumentalisiert, sondern kultiviert. Im Anschluss an Plessners Konzept der „offenen Form" wird der „Möglichkeitssinn" als ästhetische Modalstruktur bestimmt, die eine spielerische, nicht-finale Souveränität gegenüber der Wirklichkeit realisiert und den Konjunktiv zur grammatischen Form eines experimentierenden Selbst- und Weltverhältnisses macht.
Das Hansaviertel in Berlin und die Selbstbegründung der Mittelschichtgesellschaft.Der Text entwickelt, ausgehend von der Diskursgeschichte um das Berliner Hansaviertel, das anlässlich der Interbau 1957 errichtet wurde, eine soziologische These zur kulturellen Selbstkonstitution der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Gegen die postmoderne Kritik, die das Hansaviertel als Propagandaschau einer normierenden Sozialwohnungsarchitektur disqualifizierte, und gegen die Überdehnung des Begriffs der „Sozialutopie" wird argumentiert, dass das Viertel vielmehr der architektonische Ausdruck einer Selbstbegründung der Mittelschichtgesellschaft ist – verstanden nicht als Legitimation, sondern als Setzung einer selbsttragenden Positivität. Helmut Schelskys Konzept der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft" wird als soziologische Beschreibungsformel rekonstruiert, die sowohl Aufstiegs- als auch Abstiegsprozesse erfasst und soziale Mobilität als strukturelles Prinzip identifiziert, das Optimierungszwang und Versagensangst gleichursprünglich generiert. Dem gegenüber wird das Hansaviertel, über Kosellecks Begriff der „vergangenen Zukunft", als materielle Form einer Mittelschichtgesellschaft lesbar, deren architektonische Prinzipien der offenen Form und der standardisierten Vielfalt Standardisierung nicht als Zwang, sondern als Freiheitsvoraussetzung fassen.
Grenzen im Sozialen. Eine sozialphilosophische Studie.Der Text untersucht die radikale Kontingenz sozialer Grenzen als konstitutives Merkmal moderner Vergesellschaftung. Ausgehend von Kafkas Erzählung „Gemeinschaft" wird gezeigt, dass soziale Grenzziehungen zwischen „Wir" und „Nicht-Wir" sowohl zufällig als auch willkürlich sind, ohne deshalb beliebig zu sein. Die quantitative Bestimmtheit sozialer Gruppen erweist sich als strukturell instabil und muss deswegen in eine qualitative Differenz, also in kulturelle Identität im Sinne eines distinkten Weltverhältnisses transformiert werden, um wirksam zu sein. Im Anschluss an Simmels Soziologie des Fremden wird Fremdheit als außermoralisches soziales Problem entwickelt, das durch fehlende gemeinsame Geschichte, gebrochene Zeiterfahrung und strukturelle Ortlosigkeit konstituiert wird. Zwei spezifisch moderne Transformationstendenzen werden analysiert: die Generalisierung von Fremdheit durch funktionale Differenzierung und Individualisierung einerseits, die Herausbildung des „marginal man" als positivem Subjektivitätstypus des Lebens auf der kulturellen Grenze andererseits. Abschließend wird gezeigt, dass dieser Typus an seine historischen Voraussetzungen, nämlich ökonomische Prosperität und expandierende Mittelschichtkulturen, gebunden bleibt. Unter Bedingungen forcierter Identitäts- und Anerkennungspolitiken stößt dieser Typus jedoch nicht nur an ökonomische, sondern auch soziale Grenzen.
Benjamins Theorie der Massenkultur.Der Aufsatz rekonstruiert aus den verstreuten medien-, urbanitäts- und subjektivitätstheoretischen Überlegungen Walter Benjamins vor allem aus dem Kunstwerk-Aufsatz und der Baudelaire-Studie eine kohärente, aber implizite Theorie der Massenkultur, die über kulturkritische Konzepte hinausgeht und nach der historisch-systematischen Funktion der Massenkultur für Modernität als Lebensform fragt. Ausgangspunkt ist die These, dass Massenkultur nicht bloße Unterhaltungs- oder Konsumkultur, sondern die spezifische Mittelschichtskultur und damit die hegemoniale Leitkultur moderner Gesellschaft ist. Massenkultur bildet so gesehen ein eigenständiges Weltverhältnis von geradezu transzendentaler Dimension. Im Zentrum steht Benjamins Filmtheorie, der zufolge der Film als nicht-‚auratisches' Kunstwerk par excellence, das durch Montagetechnik, kollektive Produktion und ‚chockförmiges' Bauprinzip charakterisiert ist, die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch einen lebensweltlichen Charakter verleiht. Das wird über Benjamins Erfahrungstheorie erschlossen, die ‚Erfahrung' und ‚Erlebnis' als kategoriale Gegensätze bestimmt. Erfahrung ist dem zufolge die kontinuierliche, kohärente, narrativ kumulierte und präreflexiv sedimentierte Tradition; Erlebnis ist dagegen ein diskontinuierliches, inkohärentes, chockförmiges und konstitutiv austauschbares Ereignis, das unter großstädtischen Bedingungen zur Norm wird. Auf diesem Hintergrund identifiziert Benjamin zwei gegenläufige, gleichermaßen problematische Subjektivitätsstrategien. Auf der einen Seite ist dies die willkürlich-konstruktivistische Herstellung ‚auratischer' Erfahrung durch souveräne Subjektivität; auf der anderen Seite ist dies die ereignishafte Simulation von Erfahrung durch finale Überbietung des Erlebnisses im „totalen Erlebnis" der Katastrophe. Massenkultur, und konkret der Film, erscheint bei Benjamin als dritte Option. Sie ist das Medium einer Gesamttransformation des menschlichen Wahrnehmungsapparats, die souveräne Subjektivität strukturell vereitelt, weil sie Kohärenz nicht durch personale Authentizität, sondern durch sensorische Einübung in die Eigengesetzlichkeit artifizieller Wirklichkeiten stiftet.
Meer. Aspekte einer Daseins- und Lebensführungsmetapher (Handbuch der philosophischen Metaphern).Der Artikel entfaltet die historische Semantik der maritimen und nautischen Metaphorik als privilegierten Ort der philosophischen Reflexion auf Kontingenz und die Bedingungen angemessener Lebensführung. Ausgehend von Hegels geschichtsphilosophischer Positivierung der Seefahrt als Medium individueller und kollektiver Selbstentfaltung, die das Meer als Paradigma eines offenen Möglichkeitshorizonts jenseits territorialer Gebundenheit begreift, wird die Ambivalenz rekonstruiert, die dieser Metaphorik von der Antike bis zur Moderne eingeschrieben ist. Die Meerfahrt changiert dabei von der frevlerischen Grenzverletzung wider die natürliche Ordnung zur legitimen Realisierung menschlicher Freiheit. Im antiken und mittelalterlichen Kontext steht die Küstenlinie noch für die ontologische Grenze zwischen einer bestimmten Wirklichkeit und unbestimmten Möglichkeiten. Die Überschreitung dieser Grenze gilt als Hybris, als Selbstanmaßung, deren ‚legitime' Konsequenz der Schiffbruch ist, wie dies paradigmatisch in Lukrez' Figur des Schiffbruchs mit Zuschauer festgehalten ist, die Blumenberg als Leitparadigma der antiken Daseinsmetaphorik identifiziert. In der Neuzeit verschiebt sich die Bewertung der Seefahrt grundlegend, weil die theoretische Neugierde und die praktische Grenzüberschreitung zu Bedingungen des wissenschaftlich-technischen Weltbezugs werden. Mit dem Strukturwandel des Raumes durch den Übergang von thalassischer Küstenschiffahrt zu ozeanischer Seefahrt wird die Meerfahrt zur anthropologischen Chiffre der neuzeitlich-modernen Existenz überhaupt. Einschlägige Passagen bei Pascal, Kant, Nietzsche, Habermas, Heisenberg, Luhmann und Foucault werden als Stationen einer Geschichte der nautisch-maritimen Metaphorik gelesen, in der diese Metaphorik die zunehmende Unlösbarkeit des Orientierungsproblems unter Bedingungen totaler Kontingenzerfahrung zum Ausdruck bringt – vom erkenntniskritischen Inselmodell Kants über die Freisetzung ins „offene Meer" nach dem Tod Gottes bei Nietzsche bis zur Auflösung jeder stabilen Zuschauerposition in der modernen Physik und zum abschließenden Bild Foucaults, in dem „der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand".
Krise und Kontingenz. Zwei Kategorien im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne.Der Aufsatz rekonstruiert die diskursive Tiefenstruktur des Modernitätsdiskurses der Klassischen Moderne in Deutschland, indem er zwei systematisch aufeinander bezogene Kategorien, nämlich Krise und Kontingenz, als dessen konstitutive Strukturmomente herausarbeitet. Ausgangspunkt ist der Befund des vollständigen Wirklichkeitszerfalls, den Zeitgenossen wie Benn, Kracauer, Lukács und Benjamin als epochale Grundsituation der 1920er Jahre diagnostizierten. Die Auflösung einer homogenen sinnerfüllten Wirklichkeit und die Zerstörung bürgerlicher Ordnungshorizonte durch das traumatische Kriegserlebnis führten in eine soziale, kulturelle und nicht zuletzt politische Krise, die als offener Übergangszustand erfahren wurde, der zum Dauerzustand geworden war, weil die Freisetzung individueller und kollektiver Erwartungen aus ihrer Bindung an bisherige Erfahrungen als Verkümmerung und Verfall der Erfahrung überhaupt geseutet wurde, die als Zustand der absoluten Kontingenz die ambivalente Grundverfassung dieser Situation bildete. Die dominante Tendenz im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne, die von Schmitts Dezisionismus über die ästhetischen Avantgarden bis zu Lukács' marxistischer Totalitätsperspektive reichte, reagierte auf diese Situation durch Strategien der Kontingenzaufhebung, die, bei aller inhaltlichen und politischen Differenz, strukturell in der Sehnsucht nach definitiver, homogener Wirklichkeit und in der Finalisierung konstruktivistischer Freiheit auf totale Ordnungsstiftung konvergieren. Demgegenüber wird eine bislang theoriegeschichtlich marginalisierte Gegentendenz profiliert, die bei Musil, Mannheim, Heller und vor allem Plessner auf Kontingenztoleranz statt Kontingenzaufhebung setzt und die irreduzible Pluralität und Offenheit moderner Wirklichkeiten als konstitutive, nicht defizitäre Bedingung menschlicher Existenz und politischer Praxis begreift. Die theoretisch entscheidende Dichotomie im Diskurs der 20er Jahre erweist sich damit nicht als die zwischen rechts und links oder konservativ und progressiv, sondern als die zwischen Positionen, die auf Kontingenzaufhebung – so oder so – zielten, und solchen, die ein soziales Dispositiv des Kontingenzmanagements konzipierten, das absolute Lösungen prinzipiell ausschließt.
Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne.Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Rekonstruktion der Kontingenzsemantik als konstituierendem Narrativ der Moderne. Ausgangspunkt ist eine kritische Auseinandersetzung mit Luhmanns Bestimmung von Kontingenz als „Eigenwert der modernen Gesellschaft": Die systemtheoretische Kontingenzsemantik ontologisiert Kontingenz, indem sie das Kontingenzbewusstsein aus seiner historischen Spezifizität herauslöst und der Kontingenzsemantik damit selbst jene „Ultra-Bedeutung" verleiht, die sie als Analyseinstrument für Mythen reserviert. Dem gegenüber entwickelt der Aufsatz Kontingenz als historisch und kulturell variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit. Dessen logisch-ontologische Grundbestimmung besagt, dass kontingent ist, was weder notwendig noch unmöglich ist, sodass der Begriff der „Kontingenz" eine irreduzible Ambivalenz zwischen Handlungsbereich und Zufallsbereich enthält. Die historische Rekonstruktion zeigt, dass die antike Kontingenzsemantik auf Handlungskontingenz innerhalb eines ontologisch gegebenen Möglichkeitshorizonts beschränkt blieb, während die neuzeitliche Entgrenzung des Kontingenzbereichs eine „Kontingenzkultur" generiert, die auch den Handlungsbereich selbst kontingent setzt und ein prinzipiell offenes konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein generiert. Aus diesem Kontingenzbewusstsein gehen zwei strategisch komplementäre Dispositionen hervor. Auf der einen Seite ist das die funktionalistische Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung, die politisch und sozial in der disziplinären Vergesellschaftung und ihrer nachdisziplinären Transformation im versicherungsförmigen Risikomanagement realisiert wird. Auf der anderen Seite ist das die totalitätsorientierte Kontingenzaufhebung, deren Tendenz zur Homogenisierung als gewalttätiger Ordnungsstiftung Bauman auf den Massenmord als letzte Konsequenz führt. Im zweiten Teil werden Positivierungen der Kontingenz rekonstruiert: Deweys pragmatistische Verschränkung von Freiheit und Kontingenz, Plessners anthropologische Bestimmung der Unbestimmtheitsrelation als konstitutiver Bedingung menschlicher Offenheit bei gleichzeitiger situativer Begrenzung, sowie Rortys Plädoyer für die Erkenntnis der Kontingenz als Verzicht auf Letztbegründungen zugunsten einer historischen Erzählung liberaler Institutionen. Den Abschluss bildet die These, dass das metaphysische Bedürfnis nach Überwindung der Kontingenz die konstitutive andere Seite des modernen Kontingenzbewusstseins ist – und dass mit seinem eventuellen historischen Verschwinden auch die Kontingenzsemantik als Leitnarrativ der Moderne enden würde.
Die infrastrukturelle Konstruktion der „Volksgemeinschaft". Aspekte des Autobahnbaus im nationalsozialistischen Deutschland.Der Aufsatz analysiert die Reichsautobahn als paradigmatisches Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt des Nationalsozialismus, dessen Bedeutung nicht nur weit über die mythisch gewordene Deutung als Arbeitsbeschaffungs- und Kriegsvorbereitungsprojekt hinausweist, sondern auch dessen nationalsozialistische Urheberschaft dementiert. Die zentrale These lautet, dass die Autobahn in ihrer doppelten Eigenschaft als Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt die funktionelle Matrix für die buchstäblich artifizielle Konstruktion der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft" war, weil sie eine mobilitätsgestützte Form verdichteter Sozialintegration im großgesellschaftlichen Maßstab realisieren sollte, die komplementär zum immateriellen Medium des Rundfunks die territoriale Imagination einer nationalen Zusammengehörigkeit durch materielle Vernetzung realisieren sollte. Der Autobahnbau stand dabei im Kontext einer forcierten Massenmotorisierung und ergänzte das nationalsozialistische Freizeitprojekt „Kraft durch Freude", in dem Tourismus und individuelle Mobilität zu Instrumenten der Auflösung tradierter sozialräumlicher Identitäten und der Herstellung neuer nationaler Bindungen werden sollten. Besondere Aufmerksamkeit gilt der ästhetischen Dimension des Projekts. Die minutiöse Gestaltung der Landschaft als sinnlich wahrnehmbarer Seite einer neugeordneten Raumordnung, die „Entdeckung der Landschaft durch den Techniker" und die szenisch-filmische Konzeption der Autobahnfahrt realisierten eine totalitäre Ästhetisierung, die das Ästhetische zur Matrix einer zwangsförmigen Optimierung der gesamten Wirklichkeit machen sollte. Der „reaktionäre Modernismus" einer Synthese von Technik und Kultur erweist sich dabei als Tiefenstruktur, in der das avantgardistische Dispositiv von Dekonstruktion und Konstruktion politisch radikalisiert und die Massenmotorisierung als Disziplinierungsprozess zur Konditionierung auf raumgreifende Dynamik wurde. Den Abschluss bildet die Bestimmung des nationalsozialistischen Projekts in seiner letzten Konsequenz: Die technisch forcierte und ästhetisch finalisierte totalitäre Optimierung als Kriegserklärung an die Unvollkommenheit der Schöpfung, deren ultima ratio der Massenmord war.
Ein Mythos massenkultureller Urbanität. Der Potsdamer Platz aus der Perspektive von Diskursanalyse und Semiologie.Der Aufsatz analysiert den Mythos „Potsdamer Platz" als diskursive Realität eines kollektiven Imaginationsraums, dessen zentrale Funktion die retroaktive Selbstbegründung massenkultureller Urbanität als spezifisch moderner Lebensform ist. Ausgangspunkt ist die prima vista unwahrscheinliche Karriere des Platzes zum mythischen Inbegriff von Modernität. Gerade seine urbanistische Gestaltlosigkeit und seine Eigenschaftslosigkeit machte ihn zum „Un-Platz par excellence" und zur materiellen Referenz immaterieller Qualitäten, die sich nicht in substanziellen, sondern in funktionellen Realien manifestierten. Die diskursanalytische Rekonstruktion erschließt zwei Phänomene, um die sich die Arbeit am Mythos in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zentrierte: technisierte Mobilität als massenhafte Aneignungsform der Technisierung sozialer Wirklichkeiten und ästhetisierte Oberflächenhaftigkeit als massenhafte Aneignungsform ihrer Ästhetisierung wurde im Entwurf Martin Wagners für einen „Weltstadtplatz" (1928/29) zu einem funktionellen Ensemble aus Verkehr, Oberfläche und Ökonomie verschränkt. Der eigentliche theoretische Kern des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Massenkultur als zureichender Bedingung des Mythos, weil Massenkultur nicht nur das allgemeine Dispositiv für die soziale Aneignung artifizieller Wirklichkeiten wurde, sondern auch die soziale Realisierungsbedingung einer konstruktivistischen Disposition, die artifizielle Wirklichkeiten zur selbstverständlichen Lebenswelt macht und damit den „Möglichkeitssinn" im gesellschaftlichen Maßstab etabliert. Der semiologische Begriff des Mythos von Barthes, der den Mythos als sekundäres semiologisches System bestimmt, das Geschichte in Natur verwandelt und historisch entstandene Bedeutungen mit transhistorischen Ultra-Bedeutungen überformt, liefert das Interpretament, um diese Selbstbegründung als Ontologisierung massenkultureller Urbanität zu analysieren. Den Abschluss bildet eine Diagnose des neuen Potsdamer Platzes als Ort vollendeter Deterritorialisierung. Denn die Neubebauung der 90er Jahre zitiert den Mythos zwar, folgt ihm aber nicht mehr und signalisiert, dass die klassisch-moderne Kopplung immaterieller Qualitäten an materielle Referenzen ihre realitätskonstituierende Zentralität eingebüßt hat.
Vergesellschaftung durch Architektur. Gesellschaftstheoretische Aspekte der funktionellen Stadt.Der Aufsatz entwickelt eine gesellschaftstheoretische Analyse der funktionalistischen Architekturmoderne, ausgehend von der These, dass Architektur in der Moderne nicht mehr nur als konstituierte Form, sondern als konstituierendes Medium sozialer Wirklichkeit auftritt. Im Zentrum steht die Utopie der funktionellen Stadt. Von Ledoux' protofunktionellen Idealstädten des späten 18. Jahrhunderts bis zu Le Corbusiers Entwurf der „Ville Contemporaine" (1922) ist sie die paradigmatische Realisierung einer architekturgenerierten Vergesellschaftung, die über die infrastrukturelle Bewältigung sozialer Desintegrationsprobleme hinaus auf die materielle Institutionalisierung einer Optimierungsgesellschaft zielt. Die gesellschaftstheoretische Leitdifferenz dieser These ist die zwischen repräsentativer und konstruktiver Architektur. Während die vormoderne Idealstadt noch Ausdruck einer gegebenen politisch-sozialen Wirklichkeit war, ist die funktionelle Stadt deren eigenständige Herstellung, also eine Konstruktion im strikten Sinne einer reflexiv elaborierten artifiziellen Objektivität. Das Prinzip der Funktionstrennung erweist sich dabei als doppelt funktional. Es ist die strukturelle Garantie autonomer Eigenlogik der gesellschaftlichen Teilbereiche und zugleich die Bedingung ihrer konstruktivistischen Konstellierung zum komplexen interdependenten Ganzen. Die Analyse situiert die funktionelle Stadt im Schnittpunkt dreier konvergierender Tendenzen moderner Vergesellschaftung, nämlich disziplinärer Subjektivierung nach Maßgabe humanwissenschaftlicher Perfektibilitätskonzepte, wissenschaftlich-technischer Naturbeherrschung als konstruktivistischer Überbietung jeder nachahmenden Vollendung der Natur und ästhetischer Souveränität als privilegiertem Gestaltungsanspruch im Sozialen. Die funktionelle Stadt ist damit die architektonisch materialisierte Synthese dieser drei Tendenzen und zugleich das elaborierteste Konzept einer objektvermittelten, an dingontologischen Artefakten orientierten Vergesellschaftung des Industriezeitalters. Den Abschluss bildet eine Übergangsdiagnose: Mit der historischen Durchsetzung der Massenkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tritt tele-technische Deterritorialisierung an die Stelle bautechnischer Territorialisierung. Und an die Stelle der Dingontologie materialisierer Sozialverhältnisse tritt eine Modalontologie virtualisierter Sozialverhältnisse, also eine prinzipiell andere Form artifizieller Vergesellschaftung.
Historische Kontingenz und soziale Optimierung.Der Aufsatz entwickelt eine modernitätstheoretische Analyse, die Hegels Bestimmung der „absoluten Fixierung der Entzweiung" als implizites Koordinatensystem verwendet, um eine funktionelle Disposition moderner Gesellschaften zu erschließen. Diese Disposition ist ihre Konstitution als Kontingenzgesellschaften. Die Leitthese lautet, dass Kontingenz in modernen Gesellschaften nicht als ontologisches factum brutum, sondern als variables Reflexionsprodukt zu fassen ist, das heißt als eine im Sozialen erschlossene und modifizierte Spannung von Wirklichkeit und Möglichkeit, die den spezifischen Möglichkeitshorizont einer Gesellschaft konstituiert. Der erste Schritt entwickelt eine Differenzierung der logisch-ontologischen Ambivalenz des Kontingenten in Handlungskontingenz (das Verfügbar-Disponible) und Ereigniskontingenz (das Unverfügbar-Zufällige), aus der zwei strukturelle Grundprobleme folgen: das Interferenzproblem und das Orientierungsproblem. Der zweite Schritt rekonstruiert die historische Transformation dieser Problematik: Während die antike Kontingenz auf Handlungskontingenz beschränkt blieb, so dass nur Ereignisse kontingent waren, nicht aber Ereignishorizonte, erfaßt die neuzeitliche Kontingenz den Handlungsbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein. Der dritte Schritt analysiert die disziplinäre Vergesellschaftung seit der frühen Neuzeit als epochale Antwort auf diese Situation, die das Spannungsfeld von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung, von Kontingenzbegrenzung und Kontingenznutzung institutionalisiert. Das wird anhand der Entwicklung von der Sozialdisziplinierung der frühen Neuzeit über die Perfektibilitätsidee der Aufklärung bis zu den technokratischen Gesellschaftskonzepten der Klassischen Moderne konkretisiert. Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen Utopie und Optimierung: Während die Utopie eine definitive Reduktion von Kontingenz in einem idealen Endzustand anvisiert, steigert Optimierung als situativ extrapolierte und prinzipiell schrankenlose Überbietung Kontingenz und stellt die Verschiebung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts auf Dauer. Den Abschluss bildet eine Rückkehr zu Hegel: Entzweiung als Signatur der modernen Welt ist weder einseitig aufzulösen noch zu transzendieren, sondern als die historisch bestimmbare Rationalität zu begreifen, in der sich die Vernunft zu einer Zeit realisiert. In diesem Sinne ist die Spannung von Kontingenzbegrenzung und Kontingenznutzung die Rationalität, in der sich die moderne Vernunft realisiert.
1990 – 1999
Grenze und Horizont. Zwei soziale Abschlussparadigmen.Der Aufsatz entwickelt eine systematische und historische Analyse zweier grundlegender Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen: Grenze und Horizont als komplementäre, aber prinzipiell verschiedene Abschlussparadigmen. Die systematische These lautet: Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und implizieren dabei ein reales Außen, das Überschreitung ermöglicht; Horizonte eröffnen Möglichkeitsbereiche und implizieren ein imaginäres Innen, das erweitert, aber nicht verlassen werden kann. Die historische These lautet, dass die europäische Neuzeit durch eine zunehmende Inkongruenz dieser beiden Abschlussparadigmen charakterisiert ist: das Auseinandertreten von Grenze und Horizont eröffnet einen potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, dessen Instrumentalisierung jenes konstruktivistische Selbst- und Weltverhältnis generiert, das sich im Sozialen als Gestaltung der Gesellschaft, im Technischen als Naturbeherrschung und im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst manifestiert. Die soziologische These lautet, dass die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, die Optimierung an die Stelle der Überschreitung setzt und als Fortschritt geschichtsphilosophisch finalisiert. Grundlage dieser Analyse ist eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion beider Paradigmen, die ihre strukturelle Kongruenz im antiken und mittelalterlichen Verständnis – Grenze und Horizont fallen dort als Trennlinien zwischen bestimmter Wirklichkeit und unbestimmter Möglichkeit zusammen – und ihre neuzeitliche Ausdifferenzierung durch den Strukturwandel des Raumes freilegt: Territorialisierung der Grenze, Deterritorialisierung des Horizonts. Den Abschluss bildet eine Diagnose der Gegenwart: Die postmodernen, kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen der Gegenwartsgesellschaften erscheinen als interne, deterritorialisierte Widerstandslinien gegen den Absolutismus der Möglichkeit – keine Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern abstrakte Markierungen gegen den Imperativ schrankenloser Perfektibilität.
Wirklichkeiten zwischen Literatur, Malerei und Sozialforschung.Der Aufsatz entwickelt eine vergleichende Analyse ästhetischer und sozialwissenschaftlicher Verfahren der Wirklichkeitserschließung in der Klassischen Moderne, ausgehend von Blumenbergs historischer Typologie der Wirklichkeitsbegriffe. Die Leitthese lautet, dass spätestens in der Klassischen Moderne der 1920er Jahre ästhetische Erfahrung und sozialwissenschaftliche Erkenntnis kein konkurrierendes, sondern ein funktionelles Kontinuum bilden, insofern beide die prinzipielle Gegenstandsunsicherheit moderner Wirklichkeiten produktiv wenden: als positiven Ausgangspunkt von Verfahren, die auf die Überwindung des Impressionismus und auf den Erwerb von Realitätskonstruktionen zielen, die nicht realienbezogen, sondern realitätsbezogen operieren. Das tertium comparationis bildet der Kubismus als Verfahrenskontinuum zwischen kombinatorischer Montage und abstrahierender Synthese. An zwei sozialwissenschaftlichen Studien wird die These exemplifiziert und differenziert: Kracauers „Die Angestellten" (1930) und Jahoda/Lazarsfeld/Zeisels „Die Arbeitslosen von Marienthal" (1933). Kracauer führt, von der Benjaminschen Allegorie her, ein Konzept der kombinatorischen Montage in die soziologische Realitätskonstruktion ein, das auf die prä-abstrakte Seite des kubistischen Verfahrens verweist und durch Insistenz auf den konkreten Phänomenen den Weg in die Abstraktion blockiert; sein Ausgangspunkt ist die fragmentierte, sinnentleerte Wirklichkeit der Moderne. Lazarsfeld dagegen entwickelt mit der „integralen Interpretation" ein Verfahren der abstrahierenden Synthese – ein „Zwischending zwischen Analogie und Modell" –, das die abstrakt-synthetische Seite des kubistischen Verfahrens in der Quantifizierung zum Objektivitätskriterium macht; sein Ausgangspunkt ist eine perspektivische, komplexe, unüberschaubare Wirklichkeit. Die Differenz zwischen beiden Konzepten – kombinatorische Montage versus abstrahierende Synthese – erweist sich als prinzipiell und nicht nur graduell: Lazarsfelds Konstruktivismus zielt nicht auf Sinn, sondern auf Objektivität.
Modernität als Kontingenzkultur. Konturen eines Konzepts.Der grundlegende Aufsatz des gesamten Theorieprogramms entwickelt ein modernitätstheoretisches Konzept, das Modernität strukturell als Kontingenzkultur bestimmt: als eine Epoche, die von dem Grundgedanken geprägt ist, dass nicht sein muss, was ist, und die aus diesem Kontingenzbewusstsein ihr spezifisches Selbstverständnis bezieht. Ausgangspunkt ist eine historisch-systematische Rekonstruktion des Kontingenzbegriffs in seiner logisch-ontologischen Ambivalenz – Kontingenz als Zufallsbereich (das Unverfügbare) und als Handlungsbereich (das Verfügbare) – sowie seiner historischen Varianz, die allein die sozialwissenschaftliche Verwendung des Begriffs über das Niveau der Trivialität hebt. Die nautische Metaphorik dient als Leitfaden für die Exposition des neuzeitlichen Ordnungswandels: von der geschlossenen Ordnung klassischen Typs, in der Kontingenz allenfalls die Außengrenze einer substanziell fundierten Gesamtordnung markiert, zur modernen Ordnung, in der Wirklichkeit selbst heterogen und plural wird und Kontingenz zu einem konstitutiven Moment des Selbst- und Weltverständnisses avanciert. Die eigentlich modernitätstheoretische These lautet, dass aus dieser Situation zwei spezifisch moderne strategische Dispositionen hervorgehen, die – trotz aller historischen Konflikte – als systematisch komplementäre Tendenzen zu lesen sind: soziale Normalisierung als Antwort auf das Ordnungsproblem, ästhetische Souveränität als Antwort auf das Wirklichkeitsproblem der neuzeitlichen Kontingenz. Beide verbindet eine konstruktivistische Rationalität, deren Strukturformel lautet: Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung. Die Synopse beider Tendenzen kulminiert im Beispiel der Architekturavantgarde der Klassischen Moderne. Den Abschluss bildet eine Lektüre des radikalen Modernitätsdiskurses der 20er Jahre als dichotomische Polarisierung zwischen finaler Kontingenzaufhebung und finaler Kontingenzaffirmation – eine Polarisierung, die das Spannungsfeld von Modernität als Kontingenzkultur ungewollt bekräftigt und über die auch die postmoderne Positivierung der Kontingenz nicht wirklich hinausführt.
Foucaults Moderne.Die Studie rekonstruiert Foucaults theoretisches Unternehmen als großangelegte Theorie der Moderne in der Nachfolge des Hegelschen Programms einer „Ontologie der Gegenwart": nicht Analytik der Wahrheitsbedingungen, sondern Analyse des „aktuellen Feldes möglicher Erfahrung" in den modernen abendländischen Gesellschaften. Das dreidimensionale Koordinatensystem von Wissen, Macht und Subjektivität entfaltet Foucault dabei so, dass jede systematische Form sofort mit ihrer historischen Kontingenz konfrontiert wird – Wissen als diskursives Produkt, Macht als relationales Kraftverhältnis, Subjektivität als historisch variabler Selbstbezug. Die methodische Pointe liegt in der Verbindung von Historisierung durch De-Ontologisierung (Archäologie, Genealogie) und Alienisierung durch De-Semantisierung (Diskursanalyse, Dispositivkonzept) als wechselseitig kontrollierter doppelter Distanzierung von den Evidenzen europäischer Modernität. Inhaltlich zielt Foucaults Analyse auf die Bio-Macht als paradigmatische Machttechnologie moderner Gesellschaften: jene Transformation von der Souveränitätsmacht (juridisches und existenzielles Paradigma, Recht über Leben und Tod) zur Normalisierungsmacht (Disziplin und regulierende Kontrolle als Technologien der Optimierung des Lebens), die seit dem 17. Jahrhundert die europäischen Gesellschaften formiert hat. Die biopolitische Dimension dieser Analyse – die Frage, wie die Rationalisierung zur Raserei der Macht führt – mündet in Foucaults These vom Rassismus als technologischem, nicht ideologischem Element moderner Macht, das die Tötungsfunktion innerhalb der Bio-Macht sichert und in zwei historischen Formen konkret wurde: als ethnischer Staatsrassismus im Nationalsozialismus und als evolutionistischer Sozialrassismus. Am Ende steht Foucaults Selbstprogrammatik: der Intellektuelle als Zerstörer von Evidenzen und Universalien als Voraussetzung einer anderen Politik der Wahrheit.
Plessners Fremdheit in der Klassischen Moderne.Die Studie rekonstruiert Plessners theoretische Selbstpositionierung im Diskurs der Klassischen Moderne als eine doppelte, strategisch kalkulierte Abgrenzungsbewegung. Gegen den dominanten Erwartungshorizont der 20er Jahre – die quer durch die politischen Lager geteilte Sehnsucht nach einer neuen sinnhaften Wirklichkeit, die alle Fremdheit einholt und alle Entfremdung aufhebt – setzt Plessner die anthropologische These der „konstitutiven Heimatlosigkeit": nicht die moderne „transzendentale Obdachlosigkeit" im Sinne Lukács' als zu überwindender Mangel, sondern die exzentrische Lebensform des Menschen und sein unaufhebbares Stehen im „Nirgendwo" als strukturelle Bedingung seiner Offenheit. Zugleich grenzt Plessner sich gegen die radikalisierte Entgegensetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit ab – gegen jene Erhebung des Konjunktivs zum endlosen Selbst- und Weltbezug, die Musils „Mann ohne Eigenschaften" ironisch durchspielt. Das kategoriale Instrument dieser zweifachen Distanzierung ist die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation als anthropologisches Modell: Der Mensch steht weder im Indikativ bindender Wirklichkeit noch im Konjunktiv uferlosen Möglichkeitsdenkens, sondern in der Unbestimmtheitsrelation zu sich selbst, die Möglichkeitsoffenheit und situative Begrenzung zugleich impliziert. Die „selige Fremde" – Plessners Gegenbegriff zur Heimatemphase – bezeichnet so keine Gegenutopie, sondern eine Disposition: das Fremde als das Eigene im Anderen, Unheimlichkeit als anthropologische Verfassung. Plessner steht damit in den 20er Jahren und weist zugleich über sie hinaus – eine exzentrische Position im wörtlichen Sinne.
Grenzziehung. Das Fremde und das Andere.Der Essay entwickelt eine begriffliche Differenzierung zwischen dem Anderen und dem Fremden, dem Eigenen und dem Vertrauten, die deren wechselseitige Konstitution freilegt. Das Fremde ist nicht das schlechthin Andere, sondern eine spezifische Formierung des Anderen – eine Konstruktion, die entsteht, wenn das Eigene seine fraglose Kohärenz verliert und das nicht Integrierbare gegen einen reduzierten Kern des Vertrauten abgegrenzt wird. Fremdheit ist damit primär ein Symptom der Fragwürdigkeit des Eigenen, nicht eine Eigenschaft des Anderen. Der Aufsatz zeigt, dass in modernen Gesellschaften, die das Eigene als prinzipiell disponibel und veränderlich begreifen, die Grenze zwischen Eigenem und Anderem ihren absoluten Charakter verliert und willkürlich gesetzt werden muss – woraus eine strukturelle Neigung zur Codierung des Anderen als Fremdes folgt. Die Konjunktur von Fremdheits- und Überfremdungsdiskursen erscheint so als Krisensymptom: als Versuch, Kontingenz durch Grenzziehung zu beenden.
Tendenzen der Zwanziger Jahre. Zum Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland.Der Aufsatz rekonstruiert den Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland als Reaktion auf eine doppelte Erfahrung: den traumatischen Wirklichkeitsverfall nach dem Ersten Weltkrieg und die erstmalige umfassende Präsenz von Modernität als heterogener, ontologisch nicht fundierter Pluralität. Die These lautet, dass der dominante Diskurs der 20er Jahre – trotz aller inhaltlichen und politischen Differenzen zwischen Schmitt, Benjamin, Lukács, Benn und Kracauer – in seiner Tiefenstruktur auf Kontingenzbewältigung im Sinne ihrer Aufhebung finalisiert war: auf die souveräne Setzung neuer Totalität, die Evokation ontologischer Evidenz durch ästhetische Techniken oder die regressive Beschwörung substanzieller Wesensmerkmale. Als theoretisch entscheidende Dichotomie des Jahrzehnts erweist sich damit nicht der Gegensatz von rechts und links, sondern der zwischen Kontingenzaufhebung und Kontingenztoleranz – eine Dichotomie, die an Gegenpositionen wie Musils funktionalistischem Denken, Hellers demokratietheoretischem Antagonismuskonzept und Plessners anthropologischer Begründung konstitutiver Heimatlosigkeit entwickelt wird.
Möglichkeitsbändigungen. Disziplin und Versicherung als Konzepte zur sozialen Steuerung von Kontingenz.Der Aufsatz entwickelt eine sozialtheoretische Analyse der zwei paradigmatischen Strategien, mit denen moderne Gesellschaften auf die neuzeitliche Expansion des Möglichkeitshorizontes reagieren. Ausgangspunkt ist die strukturelle Ambivalenz des Kontingenten: Es bezeichnet gleichermaßen das Unverfügbare – Zufall, Schicksal, Risiko – wie das Verfügbare, nämlich den offenen Handlungsbereich menschlicher Praxis. Diese Ambivalenz hat in der Neuzeit zwei komplementäre, aber einander entgegengesetzte Steuerungskonzepte hervorgebracht. Das erste ist die Disziplin, deren Linie von der frühneuzeitlichen Sozialdisziplinierung über Foucaults normalisierende Disziplinargesellschaft bis zur „gesellschaftssanitären" Polizeikonzeption des BKA-Chefs Horst Herold reicht: Sie zielt auf Kontingenzbewältigung durch Naturbeherrschungslogik, also auf die möglichst vollständige Ausschaltung des Unberechenbaren. Das zweite ist die Versicherung, die Kontingenz nicht beseitigt, sondern als Bedingung menschlicher Handlungsmöglichkeit managt und ihre negativen Folgen präventiv oder kompensatorisch auffängt. Beide Konzepte werden in ihrer historischen Entwicklung und ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen rekonstruiert; der Akzent liegt auf dem Nachweis, dass das Spannungsfeld zwischen Bewältigung und Management von Kontingenz den strategisch unüberschreitbaren Horizont moderner Gesellschaftspolitik bildet.
1980 – 1989
Valérys Moderne.Der Essay entwickelt Paul Valérys Modernitätstheorie als strukturelle Bestimmung: Modernität ist für Valéry nicht Krise im kulturpessimistischen Sinne, sondern die zur Selbstverständlichkeit gewordene Koexistenz heterogener, einander widersprechender Wirklichkeiten, Werte und Orientierungen – eine inhaltsleere, rein formale Beschreibung, die Valéry mit auffälliger analytischer Nüchternheit vornimmt. In Abgrenzung sowohl von der Avantgarde, die auf Aufhebung der Heterogenität in neuer Totalität zielt, als auch von den zeitgenössischen deutschen Krisendiagnosen, die Modernität zum Ausnahmezustand radikalisieren, entwirft Valéry eine Position, in der der „Geist" als Agent des Nicht-Existenten und des Möglichen alle lebensweltliche Finalisierung unterläuft. Plessners Begriff des „Ungrundes" wird zur impliziten Folie: Valérys Geist ist das kategoriale Gegenteil substantieller Fundierung – ein nonkonformistischer, strukturell asozialer Rebell, der die Unordnung nicht beklagt, sondern als Bedingung seiner eigenen Tätigkeit begreift.
Der Mann auf der Grenze. Robert Ezra Park und die Chancen einer heterogenen Gesellschaft.Der Aufsatz rekonstruiert Robert Ezra Parks Soziologie als Theorie heterogener Gesellschaften, ausgehend von Parks Biographie als exemplarischer Existenz auf der Grenze zwischen Kulturen. Im Zentrum steht Parks Konzept des marginal man – nicht als Randexistenz, sondern als Zentralgestalt der Moderne: ein Persönlichkeitstyp, der in zwei antagonistischen Kulturen zugleich lebt und dessen konstitutive Ambivalenz zur dauerhaften Lebensform wird. In kritischer Auseinandersetzung mit Georg Simmels Fremdem wird gezeigt, dass Park Heterogenität nicht als integrationsbedürftiges Defizit, sondern als strukturelle Bedingung individueller Freiheit in der Großstadt begreift. Die segmentierte Großstadt erscheint dabei als sozialer Raum, der Homogenisierung verhindert und Urbanität als irreversible Freiheitserfahrung ermöglicht – eine Perspektive, die sich scharf von den gleichzeitigen deutschen Diskursen über Entfremdung, Heimatlosigkeit und Ausnahmezustand absetzt.
Revolte für eine andere Stadt (gemeinsam mit Rudolf Lüscher).Der Essay analysiert die urbanen Jugendrevolten der frühen 1980er Jahre in der Schweiz – exemplarisch die Zürcher Bewegung –als Forderungen nach Einlösung eines strukturellen Versprechens, das die moderne Stadt laufend gibt und laufend bricht: das Versprechen der Urbanität als freier Vermischung heterogener Lebensformen. Die Revolten gelten nicht als antisoziale Auflehnungen und noch weniger als Rückzug ins Ländliche, sondern als Protest gegen die administrative Privilegierung des Sozialen, die kontingente, unberechenbare Momente des städtischen Lebens zugunsten funktionaler Ordnung kanalisiert und so Urbanität auf Fassade reduziert. Die Analyse verbindet stadtsoziologische Beobachtung – unter anderem an Le Corbusiers radikalem Funktionalismus und Rem Koolhaas' Begriff der „Kultur der Übervölkerung" – mit einer Theorie des Politischen: Die Revolten überschreiten das Politische nicht, weil sie hinter es zurückfallen, sondern weil sie auf eine Lebensform zielen, in der das Soziale Basisstruktur statt Privileg wäre.